Volksmärchen

Mythos und Sage

Der Mythos

Der Mythos ist Ausdruck einer Weltanschauung und wird oft in Form kurzer Prosaerzählungen, aber auch die Versform (Lyrik) dargestellt. Die einzelne aus einem Mythos erzählte Geschichte wird als Mythe oder mythische Sage bezeichnet.

Inhaltlich können mythische Stoffe im Grenzland zwischen Märchen, Sage und zum Teil auch Legende gesehen werden. In der Regel (und dadurch lassen sich die Vorgaben des Mythos als Genre beschreiben) wird eine Geschichte erzählt, die von Göttern oder gottähnlichen Helden handelt. Meist geht es dabei um grundsätzliche Handlungen und Vorgänge, die der Welt Struktur geben und sie erklären. - Es gibt feste, handelnde Personen, deren verschiedene Abenteuer in einer Mythensammlung zusammengefasst werden. Diese Personen (Helden oder Götter) werden mit dem Anspruch dargestellt, dass sie tatsächlich gelebt haben. Auch Mythen sind im Ursprung Volksstoffe. Die Zeit ihres Entstehens reicht bis in die Antike zurück. Zu der Zeit war eine Differenzierung von Wahrheit und Mythos für die Menschen sehr schwierig, sodass historische Ereignisse und Mythen von vielen auf gleicher Ebene wahrgenommen (und auch so vermittelt) wurden.

Als Beispiele werden sowohl die "Ilias" und die "Odyssee" von Homer als auch die biblische "Urgeschichte" (altes Testament) angesehen. Aber auch die nordischen Sagen rund um Wotan (bzw. Odin) und Thor zählen dazu. Jede Kultur hat eigene Mythen hervorgebracht, deren Spuren sich in Sagen und Märchen der Völker wiederfinden. Mythenfiguren haben sich zu "grundlegenden Gestalten" der Dichtung entwickelt.

Die Sage

Das Grimmsche Wörterbuch (Bd. XIV, 1893) definiert die Sage als „Kunde von Ereignissen der Vergangenheit, welche einer historischen Beglaubigung entbehrt“. Weiter ist von „naiver Geschichtserzählung und Überlieferung, die bei ihrer Wanderung von Geschlecht zu Geschlecht durch das dichterische Vermögen des Volksgemütes umgestaltet wurde“ die Rede. Anders als Volksmärchen sind Sagen eng an die Region ihrer Entstehung gebunden.

Verhältnis der Sage zum Märchen

Volksmärchen und Sagen haben gemein, dass sie zunächst mündlich wiedergegebene volkstümliche Erzählungen mit fantastischen Inhalten sind. Anders als beim Volksmärchen liegt der Sage jedoch eine wahre Begebenheit an einem wirklichen Ort zugrunde. Diese ursprüngliche Wahrheit ist jedoch in der Sage meist nicht mehr auszumachen, da die fantastischen Inhalte überwiegen. Oft beschränkt sich der „Wahrheitsgehalt“ einer Sage auf einen real existierenden Handlungsort. Die Handlung selbst ist allerdings nichts real.

Auch die Sage kann gleichermaßen als Genre und Gattung verstanden werden. Die Gattungsvorgaben sind (wie schon beim Märchen), dass die Sage in Prosa und der Zeitform Präteritum geschrieben ist, und dass es sich um eine kurze Form handel. Die Gerne-Vorgaben sind weniger ausführlich. Anders als das Märchen braucht die Sage nicht zwangsläufig eine Handlung. Eine Sage kann auch die kurze Schilderung einer Situation sein. Übernatürliche Ereignisse können geschehen, so treten Helden und Fabelwesen auf und Magie spielt eine Rolle. Auch die Fabel wurde mündlich überliefert und von Sammlern zu Papier gebracht. Sie hat oft die Anmutung eines Wahrheitsberichtes.

Wichtiges Kriterium ist jedoch auch, dass die Sage entweder mythischen Ursprungs ist (s.o.) oder eine lokale oder regionale Verwurzelung hat. Beispiele: Rübezahl, der Berggeist aus dem Erzgebirge oder eben "Der Rattenfänger von Hameln". Diese lokale oder regionale Verwurzelung meint in der Regel nicht nur den Handlungsort, sondern geht darüber hinaus. So können Sagen auch fiktionale Erklärungen für tatsächliche Ereignisse sein oder einem Ort eine übernatürliche Wirkung andichten. Die Nennung eines Ortes hat immer eine größere Bedeutung.

"Die Bremer Stadtmusikanten" ist demnach keine Sage, sondern ein Märchen. Zum einen kommen die Protagonisten niemals in Bremen an, zum anderen werden sie weder genutzt, um die Stadt Bremen zu charakterisieren, noch um ein Ereignis, das sich in Bremen ereignet hätte, zu erklären. Oft sind jedoch die Übergänge fließend.

Verhältnis von Mythos und Märchen

Mythen und Märchen sind Volksstoffe. Der klare Unterschied besteht vor allem darin, dass Märchen einen anderen Heldentypus enthalten: Im Märchen spielen körperliche Auseinandersetzungen, Kampf und Schlachten keine Rolle. Zudem gibt es im Märchen keine Figur, die veschiedene, zusammenhängende Abenteuer erlebt. Der Mythos ist als Geschichte oft offen (im Sinne von "fortsetzbar", das Märchen ist abgeschlossen. Zudem hat das Märchen anders als der Mythos keinen Wahrheitsanspruch und will auch nicht die Welt erklären,

Weiterführende Literatur

  • Armstrong, Karen: Eine kurze Geschichte des Mythos. München: dtv, 2007.
  • Geyer, Carl-Friedrich: Mythos. Formen, Beispiele, Deutungen. München, Beck'sche Reihe 1996.
  • Lüthi, Max: "Volksmärchen und Volkssage - Zwei Grundformen erzählender Dichtung" (Amazon)
  • Schenda, Rudolf: "Von Mund zu Ohr - Bausteine zu einer Kulturgeschichte volkstümlichen Erzählens in Europa" (Amazon)