Volksmärchen

Fantasy und Phantastik

Fantasy und Phantastik (auch Fantastik) sind Genrebegriffe innerhalb der Gattung Epik. Die Textlänge ist hierbei zweitrangig. Während das Märchen als kurze Form angesehen wird, können zur Phantastik und zur Fantasy auch Romane gehören. Problematisch ist die fehlende Trennschärfe der Begriffe.

Phantastik

In der weiten Definition zählt jeder Text, der übernatürliche Elemente beinhaltet zur Phantastik. In der engen Definition gehören nur die Texte diesem Genre an, in denen nicht klar ist, ob sie in den Bereich der realistischen oder der wunderbaren Literatur gehören. Das Genre wird also durch Unschlüssigkeit des impliziten Lesers definiert. Diese Definitionslinie geht auf die Arbeiten von Todorov zurück. Eine Auseinandersetzung mit dieser Position findet sich bei Durst und bei Neuhaus. "Fantastik kann kein Gattungsbegriff, sondern nur eine Merkmalsbezeichnung literarischer Texte sein, die verschiedenen Gattungen angehören, also Sage, Märchen, Legende, Gothic Novel, Science Fiction uvm." (Neuhaus)

Geht man von Todorovs Modell aus, ließe sich Literatur in drei Bereiche einteilen:
    1. Realistische Literatur: Handlung und Figuren sind so auch in der Wirklichkeit denkbar.
    2. Fantastische Literatur: Durch das Auftreten des Wunderbaren ist zweifelsfrei klar, dass die Geschichte und Figuren nicht in der Wirklichkeit denkbar sind.
    3. Phantastik (enge Definition): Es ist unklar, ob die Geschichte fantastisch oder realistisch ist.

Fantasy

Da Genre Fantasy ist in nahezu jeder literarischen Gattung denkbar. Als populärste Gattung der Fantasy kann jedoch der Roman angesehen werden. Genretypische Merkmale sind das Auftreten von Fabelwesen und Magie. Fantasy ist immer das Werk eines Autors.

Märchen und Fantasy

Es gibt sicherlich jede Menge Gemeinsamkeiten, vor allem die Zugehörigkeit zum Bereich "Fantastische Literatur". Ein erstes Unterscheidungskriterium ist jedoch die Länge. Das Märchen ist durch seine kurze Form definiert, Fantasy ist nicht festgelegt, also sowohl kurz als auch lang denkbar. Ist also eine Fantasy-Kurzgeschichte automatisch ein Märchen. Die Antwort lautet "nein". Denn es gibt ein inhaltliches Unterscheidungsmerkmal: die Handlung. Während sich das Märchen einem Individualschicksal folgt, ist in der Fantasy das Schicksal des Helden immer mit dem Schicksal der Welt verknüpft. Für Fantasy gilt: "Im Unterschied zum Märchen aber bildet eine Konstruierte archaische Welt den Handlungsrahmen, in dem die Magie und übermenschliche Kräfte das Handlungspotenzial der Figuren erweitert. (...) Themen wie der klischeehafte Kampf des Guten gegen das Böse und das Erkennen des Bösen sowie die Suche nach einer idealen Gesamtordnung sind dem Märchen fremd." (Pöge-Alder)

Das bedeutet, dass Märchen in Romanlänge genauso wenig Fantasy sind, wie Fantasy-Kurzgeschichten als Märchen bezeichnet werden können. Hier sollte von Märchen-Romanen (wie vielleicht "Der Wunschpunsch" von Michael Ende oder "Der Sternwanderer"von Neil Gaiman) und Fantasy-Kurzgeschichten die Rede sein.

Weiterführende Literatur

  • Durst, Uwe: Theorie der phantastischen Literatur. Berlin: Lit, 2007.
  • Neuhaus, Stefan: Märchen. Tübingen: Narr Francke Atempo Verlag, 2005.
  • Pöge-Alder, Kathrin: Märchenforschung. Tübingen: Narr Francke Atempo Verlag, 2011.
  • Todorov, Tzvetan: Einführung in die fantastische Literatur. Frankfurt a. M.: S. Fischer, 1992.
  • Tolkien, John Ronald Reuel: Baum und Blatt. Stuttgart: Klett-Cotta, 1982.