Volksmärchen

Die Fabel

Die Fabel ist eine Geschichte, in der meist Tiere reden und handeln. Manchmal sind die Protagonisten auch Pflanzen oder Menschen. Die Tiere haben hierbei menschliche Eigenschaften, wobei es sich um feste Zuschreibungen handelt. So wird z.B. der Löwe immer als Herrscher verwendet. Das Fabel-Personal steht fest, denn ebenso wie bei der Commedia dell'arte und beim Kasperletheater sind die Figuren ganz klar festgelegt, und die Tiere haben sogar fest zugeordnete Namen: Der Wolf heißt Isegrimm, der Storch Adebar, der Fuchs Reinecke, usw.

Die Fabel soll nicht nur unterhalten, sondern auch belehren. Nach Lessing, der sich als Aufklärer sowohl als Fabeldichter und -übersetzer hervorgetan hat, als auch als Fabelforscher, soll eine Fabel wie ein Fallbeispiel aufgefasst werden können. Am Ende muss sie von einem allgemeinen moralischen Satz ausgehen und diesen dann in Form einer Geschichte darstellen. Die Fabel diente auch der Kritik. Durch die Darstellung eines Herrschers als Löwen wollte der Fabeldichter einen Schutz vor eventueller Bestrafung erreichen.

Gattung: Die Fabel kann eine kurze Prosa-Erzählung sein, aber auch in Versform verfasst sein und somit der Lyrik angehören. Die Fabel ist immer auf einen konkreten Dichter zurückzuführen, also kein Volksstoff. Formal betrachtet gibt es die Fabel in zwei Gattungsformen. Wichtiger als die Betrachtung der Gattung scheint also bei der Fabel die Betrachtung als Genre: Genre. Hier gelten vor allem die oben angeführten Merkmale: Die Fabel ist also eine (in der Regel) Tiergeschichte, die auf einem moralischen Lehrsatz aufgebaut ist und als Fallbeispiel dienen will.

Verhältnis der Fabel zum Märchen

"So hat man den Kindern bei sich zeigendem Gebrauche der Vernunft durch Exempel und Fabeln die Tugenden und Laster vorzustellen, damit sie beide nicht allein kennenlernen, sondern auch einen Trieb zu jenen und einen Abscheu vor diesen bekommen. Und mit diesen Erzählungen würde man bei ihnen ein Mehreres fruchten als mit den abgeschmackten Märlein die gewöhnlicher Maßen von alten Weibern und ihresgleichen den Kindern erzählet werden, dadurch sie an allerhand Vorurteil und Aberglauben verleitet, auch öfters zu vielen bösen Neigungen gleichsam zugestimmet werden."
Christian Wolff (1679-1754)

Zur Zeit des Aufklärers Christian Wolff gab es Grimms Märchen noch nicht. Zu der Zeit war eine Unterscheidung zwischen Volks- und Kunstmärchen noch nicht üblich. Viel mehr wurden mit dem Begriff Märchen häufig auch Ammenmärchen verbunden. Also wurde die Fabel zu der Zeit als Gegenstück des Märchens gesehen. Fabeln waren pädagogisch wertvoll, (Ammen-)Märchen nicht.

Literarisch besteht der Unterschied nicht etwa im Auftreten von tierischen Protagonisten, denn auch im Märchen gibt es eine ganze Reihe von sprechenden Tieren. Sogar eine eigene Unterform des Märchens, die "Tiermärchen", sind ein fest stehender Begriff (Beispiel: Der Wettlauf von Hase und Igel). Der Unterschied zwischen Märchen und Fabel besteht muss differenziert betrachtet werden. 1. Das Volksmärchen ist ein Volksstoff, während die Fabel von einem Fabelautor erdacht ist. Das Volksmärchen kann durchaus moralisch sein, aber es geht nicht pädagogisch gezielt von einem moralischen Leitsatz aus. Sowohl in Fabeln als auch in Märchen können sprechende Tiere auftreten. Die klare Rollenzuschreibung der Fabel gilt jedoch für das Märchen nicht. Während der Fabel-Esel Boldewyn heißt und immer störrisch und faul ist, hat der Esel im Märchen keinen Namen und ist auch charakterlich nicht festgelegt. Als Vergleich bietet sich die Rolle des Esels in Goethes "Reinecke Fuchs" und in Grimms "Bremer Stadtmusikanten" an. 2. Das Kunstmärchen ist wie die Fabel von einem Autor geschrieben. Anders als die Fabel, bei der das Moralische zu den Genrekonventionen gehört, ist das Kunstmärchen eher selten moralisch.

Weiterführende Literatur

  • Dithmar, Reinhard: Die Fabel. Paderborn: UTB, 1971.
  • Lessing, Gotthold Ephraim: Fabeln. Stuttgart: Reclam, 1967.